KONS 2013

Claribel Alegría

19. Februar 2013, während des Internationalen Poesiefestivals in Granada (Festival internacional de poesia de Granada), Nicaragua:

Begründung des Preises


Mit großer Freude und Dankbarkeit wird im Jahr 2013 das zweite Mal der internationale Literaturpreis KONS verliehen. Diesmal der Dichterin Claribel Alegría aus Nikaragua und Salvador. Der Person, die so viel für Poesie und für Mitmenschen getan hat, den Preis auszuhändigen, ist kein alltägliches Privilegium. Den Preis haben wir drei europäische Dichterinnen aus den Gründen ins Leben gerufen, die – wie wir überzeugt sind – nahe denjenigen sind, die die Laureatin beim Schreiben und auch im Leben führten und noch immer führen. Diese sind beharrliche und geduldige Bestrebungen, aus dem Strom des Vergessens diejenigen fragmentarischen Memoiren herauszureißen, die mit den tagtäglichen und nicht alltäglichen Bestreben der Einzelnen und Gruppen verbunden sind, damit die Nachfahren besser leben könnten und mehr wissen würden.
Claribel Alegría ist zuerst ein Mensch, danach eine Dichterin und noch viel mehr. In ihrem reichen und engagierten Leben und Oeuvre, das mehr als vierzig Bücher umfasst und zahlreiche andere Veröffentlichungen, hat sie manches erlebt und überlebt. Von der Ermordung der Bauern (matanza) in einem salvadorischen Dorf, deren Zeugin sie war im Alter von erst sieben Jahren, dann den Tod des Erzbischofs Romero, des Dichters Roque Dalton, der Mutter (in der Zeit, als sie selbst in der Verbannung gewesen war) und des geliebten Mannes. Diesen Schmerz hat sie immer wieder in das Leben gewebt, im Geiste der Verse, die Trauer kommt mit mir nicht gut aus, ich trage sie zum Leben und dann verdampft sie. Sei es in der Poesie, sei es in der Prosa, die sie selbst oder mit dem Ehemann Darwin Flakoll geschrieben hat, konnte sie die persönlichen Erfahrungen feinfühlig in die kollektive Erfahrungen einbinden, weswegen eine scharfsinnige, menschlich warme und offene Poetik entstanden ist, die sich – wenn wir sie lesen – schnell den Weg ebnet bis zu den tiefsten Emotionen, gleichzeitig strahlen aus ihr auch die wichtigen historischen und menschlichen Erkenntnisse.
Dichterinnen und Dichter schreiben für sich, für den anderen und für die Menschen. Worte der anderen sind dabei, wie uns Adrienne Rich belehrt, wichtig für unsere eigenen Wörter. Und die Wörter der Claribel Alegría – Lyra verschmolzen mit den Stimmbändern ihres Wesens – die den Weg nach Europa und nach Slowenien gefunden haben, damit aber auch in die slawische Welt und die Sprache, berühren uns, sprechen uns an und bleiben mit uns. Vielen Dank, Frau Claribel Alegría, dass Sie uns – wie bereits schon Roque Dalton – zu verstehen gegeben haben, dass die Poesie nicht nur aus Wörtern gemacht ist.